Unser Namenspatron

Ein Beitrag von Helmut Lewandowski geschrieben 2004 zum 40. Jubiläum der Blumhardt-Gemeinde

Johann Christoph Blumhardt,

der Namenspatron unsere Gemeinde, die in diesem Dezember die 50. Wiederkehr der Einweihung ihrer Kirche feiert, ist nach einem evangelischen Pfarrer aus Württemberg benannt, der vielen Menschen hier in Berlin und wohl auch sonst außerhalb seiner engeren Heimat kaum bekannt ist. Die Gemeinde ist nicht erst mit dem 1964 abgeschlossenen Kirchenbau entstanden, sondern wurde bereits am 1. Juli 1958 gegründet. Unser erster Pfarrer Herbert Stollreiter hatte zunächst die 2. Pfarrstelle der Britzer Dorfkirche inne, bevor die Dorfkirchengemeinde wegen der stark wachsenden Bevölkerung - wie überall am Berliner Stadtrand, so auch in Britz - geteilt wurde.

Pfarrer Stollreiter, der am 10. Juli 2004 im Alter von 96 Jahren verstorben ist, war offenbar von den Leistungen und der Bedeutung Blumhardts so überzeugt, dass er ihn im Jahre 1958 als Namensgeber für unsere Gemeinde vorgeschlagen hat; dem ist die Kirchenleitung gefolgt. Im übrigen hat der von Pfarrer Stollreiter herausgegebene Monatsbrief unserer Gemeinde viele Jahre lang Blumhardts Wahlspruch „Jesus ist Sieger“ als Titel getragen. Wer war nun dieser Pfarrer Blumhardt, und warum hat er auch für uns heute noch eine Bedeutung?

Kindheit, Jugend und Studium

Johann-Christoph-Blumhardt wurde am 16. Juli 1805 in Stuttgart geboren. Seine Eltern lebten als Handwerker in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Schon vor seinem vierten Geburtstag begann Blumhardt mit dem Besuch der Volksschule; ein Lehrer konnte den Vater überzeugen, dass der Sohn eine höhere Bildung erhalten sollte; die Mittel würden sich mit Gottes Hilfe finden. Mit acht Jahren bestand der Junge die Aufnahmeprüfung für das führende Stuttgarter Gymnasium; bald wurde ihm als Hochbegabten das Schulgeld erlassen. Mit 15 Jahren bestand er das Landesexamen zum kostenlosen Besuch des Seminars in Schöntal. Diese Anstalt entsprach der Oberstufe des Gymnasiums, inhaltlich besonders für künftige Theologen konzipiert. Wieder dank eines Stipendiums konnte er anschließend in Tübingen Theologie studieren. Neben theologischen Fächern wurden auch Philosophie, Logik, Geschichte und andere Fächer vermittelt; Blumhardt konnte sich daneben mit der beginnenden Wissenschaft der Psychologie beschäftigen.

Vikariat, Missionshaus Basel

Nach dem Examen wurde er als Vikar in Dürrmenz einem Pfarrer beigeordnet, der gesundheitliche Probleme hatte. Blumhardt sollte diesen also so weit wie möglich entlasten. Er fühlte sich oft seinen Aufgaben nicht gewachsen; dies kann aber wohl nur auf seine zu selbstkritische Betrachtung zurückzuführen sein. Ein Verwandter war Verwaltungsleiter des Baseler Missionshauses, dieser Kontakt führte dazu, dass Blumhardt eine Stelle als Missionslehrer in Basel angetragen wurde. Nach seinem zwischenzeitlich in Tübingen abgelegten Ersten Theologischen Examen konnte er dorthin reisen; diese Tätigkeit dauerte immerhin über fünf Jahre. Blumhardt sollte in Geographie, Geschichte, Hebräisch und der Auslegung alttestamentarischer Schriften unterrichten; doch musste er fast alles unterrichten, was Missionare fernab der Zivilisation brauchen konnten, einschließlich Chemie, Physik und einfacher Architektur. Daneben legte er in dieser Zeit das Zweite Theologische Examen ab.

Verlobung, „Strafprediger“

1836 lernte er Doris Köllner, seine spätere Frau, kennen. Ihr Vater betrieb einen Gasthof im südlichen Schwarzwald, wo Blumhardt mit Freunden einkehrte; es scheint „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen zu sein. Seine nächste Lebensstation mag wieder wie eine Strafversetzung aussehen, Blumhardt selbst nahm sie als Gottes Fügung an. Er hatte gehofft, eine eigene Pfarrstelle zu bekommen; stattdessen wurde er als Pfarrgehilfe in die Gemeinde Iptingen entsandt, die völlig zerrüttet war. Dies bedeutete, dass er dem Pfarrer die meiste Arbeit abnahm, der musste für das Gehalt des „Strafpredigers“ aufkommen - das Betriebsklima kann man sich vorstellen! Wieder leistete Blumhardt Vorbildliches für die Gemeinde; selbst den verbitterten alten Pfarrer, der sich dienstlich durchaus entmündigt vorgekommen sein musste, konnte er halbwegs versöhnen. Alles eitel Freude? Leider nicht, denn mit dem abgezwackten Strafprediger-Gehalt war an eine Heirat nicht zu denken, und die persönlich und fachlich längst verdiente eigene Pfarrstelle ließ auf sich warten. Möttlingen – endlich Pfarrer.

Der Möttlinger Pfarrer Barth war in vielfacher Weise als Autor und Verleger tätig, es gelang ihm aber nicht mehr, einen guten Kontakt mit seinen Gemeindegliedern zu pflegen - „die Hälfte schläft im Gottesdienst!“ Die Bekanntschaft mit Blumhardt erschien Barth als eine gute Gelegenheit, die Probleme zu lösen: Er schied aus dem Kirchendienst aus und schlug Blumhardt als seinen Nachfolger vor. Plötzlich ging alles ganz schnell - zum 2. August 1838 begann sein Dienst in Möttlingen. Das Gehalt ermöglichte endlich auch die Heirat; schon bald danach wurde die Einrichtung einer Suppenküche erforderlich; auch um den schlechten Zustand der Schule kümmerte sich Blumhardt, bald mit Erfolg. Neben seiner Arbeit als Pfarrer wurde er auch schriftstellerisch tätig; sein Vorgänger konnte einen tüchtigen Autor gut brauchen. So schrieb er für verschiedene Zeitschriften und schließlich eine “Weltgeschichte für Schulen und Familien“, die in 50 Jahren zehnmal nachgedruckt wurde. Er beteiligte sich auch an den Bemühungen, ein neues Gesangbuch für Württemberg zu erarbeiten; die Kirchenmusik war ihm schon immer wichtig. Schließlich war auch für die eigene Familie zu sorgen - in den Jahren 1840 bis 1843 kamen die ersten vier Kinder zur Welt. Und dann traf Blumhardt auch noch der Fall, der ihn berühmt machen sollte.

Gottliebin Dittus

Gottliebin Dittus, Tochter aus christlicher Familie, war 1840 in ein ärmliches Haus in Möttlingen gezogen, zusammen mit einem Bruder und zwei Schwestern. Zu der bedrückenden Armut kamen sogleich nach dem Einzug Ohnmachtsanfälle der jungen Frau, unerklärliches Poltern im Hause und nächtliche Erscheinungen, so die Gestalt einer zwei Jahre zuvor verstorbenen Frau, die ein totes Kind auf dem Arm trug. Diese sprach Gottliebin an und verlangte nach einem Stück Papier, um etwas aufzuschreiben. Erst nach zwei Jahren erfuhr Blumhardt hiervon. Er scheute zunächst davor zurück, sich mit dem „Spuk“ ernstlich einzulassen, denn “Wunderheiler“ waren nicht seine Sache. Daher riet er erst nur, die junge Frau solle Hilfe durch ernstes Gebet suchen, was aber keine Besserung brachte. Blumhardt erfuhr auch von geheimnisvollen Funden in dem Haus, Kreide, Salz, Knochen (aber nicht von einem Kleinkind, wie zu vermuten war, sondern von Tieren), auch geheimnisvolle Münzen und Zettel mit unlesbaren Zeichen darauf. Der als Arzt und Dichter bekannte Justinus Kerner war bereit, sich hier einzuschalten; dies lehnte Blumhardt aber ab und trat schließlich das an, was als „Blumhardts Kampf“ in Erinnerung bleiben wird: beharrliches Beten und Fasten bei ständiger persönlicher Fürsorge für die Betroffene. Von Juni 1842 bis zum Dezember 1843 sah er fast täglich nach der Leidenden. Die Besessenheit wurde zunächst schlimmer; Blumhardts Anwesenheit, Gebete und das Singen christlicher Lieder wurden sogar mit einer Steigerung der Anfälle „beantwortet“. Es kam zu schwersten Anfällen, später redete die Kranke mit verschiedensten Stimmen, verfluchte den Pfarrer oder ging gar mit Fäusten auf ihn los. Nach einem Selbstmordversuch der Frau erreichte Blumhardt durch intensives Beten, dass viele der Krankheitszeichen aufhörten, doch blieb ihr Zustand insgesamt bedenklich. Erst nach anderthalb schrecklichen Jahren schienen die Dämonen zu weichen, doch befielen sie erst noch den Bruder und die ältere Schwester der Gottliebin, die bisher nicht von ihnen ergriffen gewesen waren. Die bösen Mächte schienen wirklich getroffen und hatten sich deshalb in die nächsten Angehörigen „geflüchtet“. Am 28. Dezember 1843 sprach eine Stimme aus der Schwester, die sich als ein Gehilfe Satans bezeichnete; der beklagte, dass seine Macht nun gebrochen sei; mit unmenschlichem Geschrei fuhr er endlich aus der Frau aus. Im ganzen Dorf war der Ruf dieses Dämons zu hören, mit dem der bekennen musste „Jesus ist Sieger!“ Von dieser Stunde waren die drei Geschwister frei von irgendwelchen dunklen Mächten und ihren Wirkungen. Was wirklich vorgefallen war, wird nicht mehr zu klären sein. Sicher gibt es Menschen, die auf unerklärliche Weise beeinflusst werden von Vorgängen um Verstorbene, besonders an deren Wohnort. Wenn ein Verbrechen wie eine Kindestötung und später okkulte Riten in dem Haus erfolgt waren, kann sich das auf Gottliebin ausgewirkt haben. Dass dies zu schwersten krankheitsähnlichen Zuständen führte, setzt eine entsprechende Empfindsamkeit der betroffenen Frau voraus. Die rätselhaften äußerlichen Vorgänge sind von zuverlässigen Personen bestätigt worden, so unter anderen von dem Bürgermeister und einem Arzt. Blumhardt hat die Krankheitsgeschichte zunächst dem Konsistorium der Württembergischen Kirche schriftlich mitgeteilt; 1850 ließ er diesen Bericht für seinen Freundeskreis nachdrucken. Dieser Bericht ist jetzt wieder als Taschenbuch erhältlich. Der Ruf des Heilungswunders verbreitete sich schnell; bald kamen die Besucher seiner Gottesdienste auch aus der weiteren Umgebung. Aber vor allem in seiner eigenen Gemeinde setzte eine ungeahnte Buß- und Erweckungsbewegung ein. Eher kirchenferne Menschen gründeten Hauskreise, hielten Gebets- und Gesangsstunden in ihren Häusern ab, drängten sich zu Blumhardt, um durch ihn Vergebung ihres bisherigen Lebenswandels erbeten zu lassen. Blumhardt schonte sich nicht und war oft 12 Stunden und mehr im Einsatz mit persönlichen Gesprächen, gemeinsamen Gebeten und der Leitung von Kreisen und Gruppen.

Das Möttlinger Pfarrhaus wurde zum Ort wahrer Pilgerzüge; die vielen Menschen mussten auch versorgt und beherbergt werden, was ganz natürlich von Blumhardts Frau übernommen werden „durfte“. Glaubensheilung war für Blumhardt immer Gottes Geschenk, für Menschen unverfügbar und auch nicht durch Beten erzwingbar: Gott hat das letzte Wort. Die Grundlage von Blumhardts Wirken war seine Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Christi. Bald kamen Menschen aus fast ganz Europa, um den berühmten Pfarrer zu hören; Blumhardt predigte jeden Sonntag drei Mal, damit die herbeigeströmten Menschen ihn alle hören konnten. Kollegen neideten ihm seine Popularität, sie zeigten ihn schließlich bei der Kirchenleitung an. Das Konsistorium verhörte ihn und erteilte ihm einen Verweis, weil er sich bei seinen Gottesdiensten nicht an die vorgeschriebenen Zeiten und an die Grenzen seiner Gemeinde gehalten hatte. Dies mag uns kleinlich erscheinen, aber ganz übergehen konnte man die Bedenken wohl nicht, die eine solche Popularität eines Dorfgeistlichen auslösen mochte. Jedenfalls tat man Blumhardt nicht das Unrecht, ihm Unbescheidenheit vorzuwerfen. Dazu bestand wirklich kein Anlass; seine Erklärung dieser Heilungsvorgänge war einzig sein Lebensmotto „Jesus ist Sieger.“ Die verhängten Beschränkungen waren teilweise zu umgehen, solange es sich konstruieren ließ, dass er sich „um seine Gäste kümmerte“, es also um aus der Ferne anreisende Menschen ging. So versuchte man, mit Hilfe von Gemeindegliedern die anreisenden Menschen unterzubringen; die persönliche Belastung für Blumhardt und seine Familie war dennoch auf Dauer nicht tragbar. Daneben war Blumhardt auch als Dichter von zahlreichen Kirchenliedern und als Sozialreformer tätig; er gründete verschiedene Selbsthilfe-Einrichtungen für die verarmte Bevölkerung. Bei einer Predigt wurde ein unerkannter Besucher bemerkt; man vermutete, dass sich der König selbst ansehen wollte, ob hier ein ungesunder Rummel um einen geltungsbedürftigen Geistlichen stattfand, dessen oberster Chef er war. Immerhin machte die Kirchenleitung etwa zu dieser Zeit ihren Frieden mit den Ereignissen in Möttlingen; die Gründe lassen sich nur vermuten.

Bad Boll

Dieser „Frieden“ ermöglichte es Blumhardt, seinen Wirkungsort 1852 nach Bad Boll zu verlegen. Er erwarb mit Hilfe wohlhabender Freunde das dortige Kurhaus; die Kirchenleitung erhob keine Bedenken gegen diese wirtschaftliche Betätigung eines Pfarrers und stellte ihn sogar von seinen üblichen Amtspflichten frei mit der Zusage, jederzeit in den „normalen“ Pfarrdienst zurückkehren zu dürfen - die Befugnis zu allen Amtshandlungen behielt er auch. Ein Haus mit 130 Zimmern einzurichten, dauerte einige Zeit, doch bald konnte endlich für Kranke von nah und fern gesorgt werden. „Patienten“ in seelischen Nöten, mit Depressionen, Epileptiker, kamen nach Bad Boll oder wurden von ihren Familien gebracht. Die Aufsichtsbehörden machten Schwierigkeiten; „Irrenanstalten“ müssten einen ärztlichen Leiter haben - irgendwann waren auch diese Bedenken ausgeräumt. Im Gegensatz zu Möttlingen war es hier nicht mehr möglich, dass die Gäste ihren Kostenbeitrag selbst festsetzten; wer bezahlen konnte, bekam auch den Pensionspreis genannt. Dafür wurden Bedürftige günstiger oder völlig gratis aufgenommen. Was war nun Bad Boll, die Einrichtung, die Blumhardt von 1852 bis zu seinem Tode im Jahre 1880 führte? Eine freundliche Familienpension? Ein evangelisches Zentrum des Betens und Singens und seelsorgerlicher Fürsorge? Ein Familiensitz, wo Gäste jederzeit willkommen waren, auch geistig oder seelisch geschädigte? Ein Sanatorium und Pflegeheim und sogar eine Stätte der Sterbebegleitung? Wohl alles von dem. Neben seinem Einsatz für die Hilfesuchenden war Blumhardt weiter schreibend tätig, er besuchte Kirchentage, verfasste Liedertexte und komponierte geistliche Musik. Daneben war er auch noch Familienoberhaupt und ein erstaunlich moderner Vater, der seine Kinder partnerschaftlich statt durch Zwang erzog (wie er es in den von ihm beaufsichtigten Schulen und als Konfirmanden-Pfarrer auch getan hatte). Schließlich zog Blumhardt noch in die Landessynode ein, wo er sich um die Erhaltung der kirchlichen Feiertage verdient machte. Vermächtnis Johann Christoph Blumhardt war bis Ende 1879 von bewundernswerter Schaffenskraft; dann setzte eine Lungenentzündung ein, an der er am 25. Februar 1880 starb.

Blumhardts Sohn Christoph, ebenfalls Pfarrer, wurde sein Nachfolger in der Leitung Bad Bolls; das Lebenswerk Johann Christoph Blumhardts blieb so erhalten.

Der Sohn begründete später den religiösen Sozialismus und beeinflusste so den großen Lehrer der Theologie Karl Barth. Er gab seinen Pfarrertitel auf, als er 1899 in die SPD eintrat. Von 1900-1906 war er Landtagsabgeordneter; er ist am 2. Aug. 1919 in Bad Boll gestorben. Die Enkel-Generation hat die Einrichtung der Herrnhuter Brüdergemeine überlassen, von der das Andenken Blumhardts bis heute gepflegt wird.